Die Mauer als Entwurf – Vom Strich auf der Landkarte zum Infrastruktur-Bollwerk

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Von Elvia Wilk

Was wäre, wenn Grenzen Menschen nicht trennen, sondern verbinden – funktional, ästhetisch, wirtschaftlich und sozial?

Am westlichsten Zipfel der Grenze zwischen den USA und Mexiko ragt ein hoher Stahlzaun aus dem Strandboden empor und setzt seinen Lauf bis ins Meer hinein fort, bevor er nach einigen Metern im Pazifischen Ozean verschwindet. Je weiter die Pfosten vom Ufer entfernt stehen, desto unregelmäßiger ragen sie aus der Brandung heraus, desto tiefer ist ihr Fundament bereits im sandigen Untergrund versunken. Von beiden Seiten des Zaunes erblicken Schwimmer einander durch die Gitterstäbe.

Beim Anblick dieser sich in totale Abstraktion verlierenden Barriere drängen sich Fragen auf: Wie weit ins Meer hinein setzt sich die Trennung der beiden Länder fort? Ab welchem Punkt fangen die territorialen Besitzansprüche an, sich zu verflüssigen? Was würde zwischen so lose gestreuten Pfosten eine Grenzverletzung darstellen? Und lässt sich ein Strich auf der Landkarte wirklich auf ein dreidimensionales Gelände übertragen?

Was im ersten Moment einen philosophischen Anklang haben mag, ist eine ganz konkrete Herausforderung für das Design, die es anzunehmen gilt, wenn aus der Grenze als Idee eine Zeichnung und dann eine Barriere werden soll. Zugleich handelt es sich um eine Herausforderung, die von Politikern und Planern eher vernachlässigt wird, sodass immer wieder umkämpfte Grauzonen entstehen; Grenzanlagen, die weder ihre trennende Funktion richtig erfüllen noch als Infrastruktur einen Beitrag zu ihrer Umgebung leisten. Besonders deutlich wird dies an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, wo sich militärisch befestigte Mauerstreifen mit baufälligen Zäunen abwechseln. Streckenweise halten Stahlzäune, Stacheldraht und massive Betonwände die Menschen vom illegalen Grenzübertritt ab; in anderen Abschnitten ist hingegen keine sichtbare Grenze vorhanden und die Überwachung erfolgt lediglich aus der Luft oder mit Wärmebildkameras. Doch egal, ob es sich um imposante Bauwerke oder unsichtbare Demarkationslinien handelt – der Verlauf der Grenze ist überall spürbar.

Mit der Unterzeichnung des „Secure Fence Act“ im Jahre 2006 schaffte George W. Bush die gesetzliche Grundlage für die neue Grenzanlage und damit für eines der teuersten Bauprojekte der jüngeren US-amerikanischen Geschichte. Der gesicherte Abschnitt der Grenze erstreckt sich bisher über mehr als 1.000 Kilometer und hat beinahe zweieinhalb Milliarden US-Dollar gekostet. In den letzten Jahren hat der Grenzausbau immer wieder für politische Debatten gesorgt, doch mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen rückt das Thema 2016 verstärkt in den Vordergrund. Präsidentschaftskandidat Donald Trump ist ein besonders lautstarker Verfechter des Mauerbaus und will die Länge der Anlage mehr als verdreifachen. Sollte er sich durchsetzen, wäre einzig die historische Chinesische Mauer noch länger. Nach Einschätzungen des amerikanischen Ingenieurs Ali F. Rhuzkan würde das Bauvorhaben etwa 9,6 Millionen Kubikmeter Beton in Form von Fertigteilen erfordern, dreimal so viel wie beim Bau des Hoover-Damms. Angesichts solcher Vorhaben ist es für Architekten, Designer und Ingenieure an der Zeit, sich erneut Gedanken über die elementarste aller architektonischen Grundformen Gedanken zu machen: Die Mauer.

Die Grenzmauer als Infrastruktur

In Anbetracht der hohen Kosten für Arbeitskraft und Material, die mit einem Bauprojekt von dieser Größenordnung unweigerlich einhergehen, befassen sich inzwischen viele Stakeholder mit der Frage, wie man aus der Grenze mehr als lediglich eine Mauer machen kann. Das Architekturbüro von Ronald Rael und Virginia San Fratello aus Oakland in Kalifornien entwickelt schon seit Langem experimentelle Entwürfe, in denen es darum geht, wie sich die Mauer zu Mexiko „nicht bloß zum Zwecke der Sicherheit, sondern auf produktive Weise umgestalten lässt – als Rückgrat der Wirtschaft im Grenzland.“ Rael und San Fratello fragen, wie sich ein Gegengewicht zu den kostenintensiven und zerstörerischen Auswirkungen der Grenzanlage gestalten ließe, und wie sie jenseits der ihr innewohnenden gewalttätigen Trennkraft konstruktiv als Herausforderung für des Infrastruktur-Design behandelt werden könnte – um die Anlagen in öffentlicher Hand auch so weit wie möglich in den Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Die Designer gehen davon aus, dass die Mauer in dieser oder ähnlicher Form weiter bestehen wird. Deshalb protestieren sie nicht direkt gegen ihre Konstruktion, sondern machen sie zu einem Versuchslabor für architektonische Experimente, die zugleich als Kritik an der Mauer zu verstehen sind.

Infrastruktur dient meist dazu, Menschen miteinander zu verbinden, sei es über Straßen, Brücken oder Telefonnetze. Bei Grenzanlagen ist das Gegenteil der Fall, doch vielleicht lässt sich dennoch die physische und psychische Belastung für diejenigen, die in ihrem Schatten leben müssen, lindern, wenn sich das Design der Anlage an verbindenden Infrastrukturtechniken orientiert. „Für mich als Architekt wäre es ein Leichtes, einfach ein Schild mit der Forderung ‚Die Mauer muss weg‘ hochzuhalten“, so Ronald Rael, „doch ich muss akzeptieren, dass die Mauer nun mal existiert. Als Designer halte ich trotzdem eine bessere, mutigere, intelligentere Lösung für möglich. Ich stelle mir keine ‚dumme Wand‘ vor, sondern eine soziale Infrastruktur, die Menschen von beiden Seiten zusammenbringt und ihr Leben verbessert.“

Mit ihrem vielschichtigen Projekt Border Wall as Infrastructure setzt sich das Büro Rael San Fratello bereits seit 2009 mit den Problemen auseinander, die durch den „Secure Fence Act“ verursacht wurden. Hierzu gehören hohe finanzielle Kosten, Energie- und Ressourcenverschwendung, Umweltschäden und soziale Segregation. Als Gegenmittel schlagen die Architekten unter anderem vor, Solarzellen auf der teilweise sehr breiten Mauerkonstruktion anzubringen. Damit ließe sich nicht nur der Energiebedarf der Grenzanlage, sondern auch der der Anwohner decken. Um der in der Gegend vorherrschenden Umweltverschmutzung entgegenzuwirken, ließen sich Wasseraufbereitungsanlagen in das System integrieren und so Gifte aus dem belasteten Grenzfluss filtern. Darüber hinaus ließe sich entlang der Mauer auch Regenwasser sammeln und gezielt verteilen, um Überschwemmungen zu vermeiden und den an Wassermangel leidenden Menschen und der Umwelt zu helfen. Da die Grenzanlage auch den Wildwechsel verhindert, schlagen die Architekten zudem die Installation spezieller Schleusen für Tiere entlang deren Wanderrouten vor.

Nicht zuletzt widmen sich die Architekten auch den sozialen Bedürfnissen der Grenzanrainer, und zwar sowohl auf praktische wie spielerische Weise. Die toten Räume auf beiden Seiten entlang der Grenze ließen sich in grüne Korridore mit Sportanlagen, ja in Naherholungsgebiete verwandeln; eine für Lebensmittel durchlässige „Burrito Wall“ könnte zu grenzübergreifender kulinarischer Geselligkeit führen, „die Menschen könnten durch die Mauer hindurch gemeinsam essen, plaudern und ihren Geschäften nachgehen – natürlich alles unter dem wachsamen Blick der Sicherheitskräfte.“ Und die grenzüberschreitende Wippe – „Teeter Totter Wall“ – würde es ermöglichen, von beiden Seiten aus miteinander zu spielen und auf metaphorische Weise die ungewöhnliche Situation auszubalancieren.

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Teddy Cruz, ein aus Guatemala stammender US-amerikanischer Architekt, hat sich ebenfalls der kreativen Umgestaltung besagter Grenze verschrieben. Allerdings konzentriert er seine spekulativen Entwürfe nicht auf die Mauer selbst, sondern auf die umliegende Architektur. So hat er erforscht, wie aus dem Norden stammende Materialien südlich der Mauer auf innovative Weise für DIY-Bauprojekte recycelt werden. Autoreifen werden zum Beispiel zu Stützwänden für gemeinschaftliche Bauten, ein altes Garagentor wird zur Fassade einer Behausung. Cruz und seine Kollegen sehen die Grenze als „einen Einschnitt in Gemeinschaft, Jurisdiktion und Rohstoffe“, doch sie suchen nach Wegen, den bereits stattfindenden „informellen Urbanismus“ zu befördern, und zwar durch geschickte Nutzung der vor Ort wirkenden ökonomischen Kräfte. Warum nicht die sogenannten „Maquiladoras“, die örtlichen, auf den Export in die USA ausgerichteten Montagebetriebe nutzen, um dort Fertigbauteile herzustellen, mit denen sich die mexikanischen Arbeiter ihre eigenen Häuser bauen können?

Die durch den Mauerbau benachteiligten Menschen südlich der Grenze haben über die Zeit ganz organische Lösungsansätze entwickelt. Cruz will von dem „kreativen Potenzial der von Konflikten geprägten Landstriche“ lernen und so die Strategien auch für Menschen in anderen Regionen in der Welt nutzbar machen. Eine dringliche und wichtige Aufgabe, insbesondere angesichts der Tatsache, dass gerade weltweit die Grenzzäune in die Höhe schnellen. Von Südamerika, wo Brasilien gerade eine 14.000 Kilometer lange „virtuelle“ Grenze anlegt, bewacht von Drohnen und Satelliten, bis nach Europa, das auf dem Weg dahin ist, mehr physische Grenzanlagen in Betrieb zu nehmen als zu Zeiten des Kalten Krieges. Kein Wunder also, dass der Markt für Grenzzäune und Mauern am boomen ist.

Ein guter Zaun sorgt für gute Nachbarschaft

Willkommen auf der „Perimeter Protection“, der jährlichen internationalen Fachmesse für Perimeter-Schutz, Zauntechnik und Gebäudesicherheit in Nürnberg, wo sich all jene tummeln und auf den neuesten Stand bringen, die Grenzanlagen kaufen oder verkaufen wollen. Auf solchen Veranstaltungen wird deutlich, dass dem Zaun eine große Zukunft bevorsteht, die weit über die Rolle als Jägerzaun hinausgeht. Die Innovationen in diesem Bereich sind biometrische Erkennungssysteme – vom Retina- bis zum Fingerabdruckscanner – und natürlich die dazugehörigen Softwaresysteme zur Verwaltung und Abgleichung der Datenströme. Außerdem im Angebot: Luftbildüberwachung, Fernerkundung sowie Bilderkennungssoftware zur algorithmischen Früherkennung potenzieller Gefahren. Angesichts der zunehmenden Verbreitung von Drohnen, Satelliten und anderer Aufklärungstechniken ist es wenig überraschend, dass die Anlagen nicht mehr nur gegen Angriffe am Boden schützen sollen. In einem Interview mit der britischen Zeitung The Guardian formulierte es Jan Hesselbarth, ein Experte für unbemannte Flugobjekte, der Gast auf der Messe in Nürnberg war, so: „Selbst ein hermetisch abgeriegeltes Gelände biete heutzutage keine Sicherheit mehr, denn die wahre Gefahr kommt von oben.“

Das größte Geschäft wird mit nationaler Sicherheit gemacht, aber auch der Markt für private Sicherheitslösungen ist sehr lukrativ. Die Hersteller liefern ihre Hightech-Produkte an staatliche wie private Abnehmer gleichermaßen. Die ungarische Firma Umirs hat an der Grenze zwischen Turkmenistan, Afghanistan und Iran tausend Kilometer ihres QuadroSense™-Zauns installiert – ausgestattet mit erschütterungsempfindlichen Drähten und Bewegungsmeldern. Den gleichen Zauntyp bietet die Firma auch für Privatgrundstücke an. Während also auf nationaler Ebene die Grenzsicherung hochgefahren wird, wächst zugleich die gefühlte Unsicherheit bei den Bürgern. Und während die Schere der Einkommensverteilung weiter auseinandergeht und die Reichen nicht nur reicher, sondern auch paranoider werden, scheint man sich das Bild des imaginierten Eindringlings immer dramatischer auszumalen. Aber der Bau von Hochsicherheitsanlagen hat auch eine ganz pragmatische Seite, wie Matthias Kassak, Marketingdirektor bei Dictator, einer deutschen Firma für Sicherheitstechnik, zu erklären weiß: „Kann schon sein, dass die Industrie die Leute in ihren Ängsten bestärkt, aber wären die Kunden nicht hinreichend geschützt, würden auch die Versicherungen nicht zahlen.“ Das Geschäft mit der Sicherheit geht also weit über das der Zaunbauer hinaus.

Die rechtsfreie Linie

Obwohl man sich Grenzen meist als physische Barrieren vorstellt, sind die meisten Landesgrenzen nicht mehr als Linien auf einer Karte. Darüber hinaus gibt es hochumstrittene und umkämpfte Grenzverläufe, die je nach politischer und rechtlicher Lage immer wieder verschoben werden. Was also, wenn man sich, wie zwischen Israel und Palästina, nicht auf eine gemeinsame Line einigen kann?

Die Architekten Eyal Weizman, Alessandro Petti und Sandi Hilal analysieren und dekonstruieren im Rahmen eines fortlaufenden Forschungsprojekts eben diesen Raum, in dem gebaute Mauern mit den „Mauern in den Köpfen“ aufeinandertreffen. In ihrer Arbeit befassen sie sich insbesondere mit dem Gewaltpotenzial von Architektur und mit der strategischen Instrumentalisierung von Infrastruktur zu Kriegszwecken. So können sie aufzeigen, was beim Design von Grenzen alles auf dem Spiel steht. „Innerhalb der konfliktgeladenen Geografie von Israel und Palästina spielt die Infrastruktur eine wichtige Rolle und wird oft als Vorwand für eine weitere Verkleinerung und Fragmentierung der besetzten palästinensischen Gebiete genutzt.“

Eines der bekanntesten Beispiele für den kriegerischen Einsatz von Mauern ist die seit 2002 im Bau befindliche israelische Sperranlage zum Westjordanland, mit der palästinensisches Gebiet besetzt gehalten wird. Die Mauer verläuft quer durch Ortschaften, landwirtschaftliche Betriebe und Reiserouten, und schneidet die Bewohner vom Zugang zu Kommunikationsmitteln und Rohstoffen ab. In einigen Gegenden zerstört die Mauer über tausend Jahre alte Bewässerungsanlagen. Altertümliche Wände zur Stabilisierung von Wasserreservoirs werden von den neuen Mauern durchschnitten und somit nutzlos.

Doch Weizman und seine Kollegen sind ebenso interessiert an Orten, an denen sich die Barriere noch nicht materialisiert hat. Im Rahmen des von ihnen vor Ort betriebenen künstlerischen Programms Decolonizing Architecture Art Residency (DAAR) hat das Team eine Reihe beeindruckender Schwarz-Weiß-Fotos der Künstlerin Amina Bech zusammengetragen, auf denen Orte aus dem Grenzgebiet ohne sichtbare Grenzlinie abgebildet sind. Im Rahmen ihres Projekts The Lawless Line haben sie die Demarkationslinie dann halbtransparent und in rot in die Fotos eingetragen, und zwar proportional zu der Breite, die sie auf der Karte einnimmt. Auf Karten werden Grenzen bekanntlich nur als Haarlinien dargestellt, doch maßstabsgetreu auf das Gebiet hochgerechnet werden daraus Korridore. Den Architekten zufolge könnte es sich bei den Nicht-Orten der „Lawless Line“ um rechtsfreie Räume handeln, „schmale doch zugleich mächtige Möglichkeitsräume für politischen Wandel“.

Die Architekten legten ihre Entdeckung der „Lawless Line“ sogar einem israelischen Gericht zur Begutachtung vor. Sie berichten von einem Anwalt, der sie anfänglich ausgelacht habe, doch dann einen Fall beschrieb, in dem die „Lawless Line“ juristische Relevanz hätte haben können. Es ging um eine Mandantin, deren Haus genau auf der umstrittenen Grenze zwischen Jerusalem und Ramallah lag. Der Anwalt erklärte: „Die Stadtverwaltung von Jerusalem vertrat die Auffassung, dass die Frau kein Recht habe, in der Stadt zu leben, da der Großteil ihres Hauses jenseits der Grenze läge, auch wenn sich Eingang und Küche in Jerusalem befänden. Doch wie soll sie ihr Haus verlassen können, ohne Jerusalem zu betreten?“ Das Beispiel zeigt, wie sehr die juristischen, politischen und architektonischen Grenzen ineinander verschränkt sind, auch wenn noch gar keine Mauer gebaut wurde. Es zeigt auch, wie hochgradig ortsspezifisch etwaige Designlösungen sein müssen, wenn schließlich eine physische Barriere errichtet wird.

Obwohl die Situation vor Ort jeweils einzigartig ist, gibt es immer auch historische Präzedenzfälle, aus denen sich lernen lässt. Der deutsche Künstler Kai Wiedenhöfer studiert die Entwicklung von Grenzmauern mit den Mitteln der Fotografie. Seit dem Fall der Berliner Mauer hält er ähnliche Grenzanlagen auf der ganzen Welt in großformatigen Panoramen fest. Seine Arbeit führte ihn von der Grenze zwischen den USA und Mexiko über die entmilitarisierte Zone zwischen Nord- und Südkorea bis zur „Grünen Linie“, die Zypern in einen griechischen und einen türkischen Teil zerschneidet. In seinen Bildern ist der Blick in die Ferne verbaut und die Ästhetik der Separation tritt in den Vordergrund. Mögen sich auch die Landschaften und Baustoffe von Ort zu Ort verändern, seine Fotos sind immer durchdrungen von einem universellen Gefühl der Abgeschnittenheit und Isolation.

Im Jahre 2013 veröffentlichte Wiedenhöfer seine Fotoserie in Buchform unter dem Titel Confrontier und stellte seine Arbeiten unter freiem Himmel an eben jenem Ort aus, an dem für ihn alles begonnen hatte: an der Berliner Mauer. Dort wurden seine Bilder mehrere Meter groß direkt auf den ehemaligen „antifaschistischen Schutzwall“ plakatiert, sodass die Betrachter an Orte versetzt wurden, an denen die Grenzanlagen noch mehr sind als bloß Touristenattraktionen. Die Überlappung von historisch überwundenen mit derzeit noch im Aufbau befindlichen Mauern konfrontierte die Betrachter mit den gegenwärtigen politischen Motiven des Mauerbaus.

Architektur ist unweigerlich ein Aushandeln von Grenzen – zwischen Mensch und Natur ebenso wie zwischen jedem von uns. Architekten und Designer müssen Verantwortung übernehmen für den greifbaren, dingfesten Ausdruck dieser Anlagen, für ihre Verschränkung aus Funktion und Ästhetik, und nicht zuletzt für die politische und soziale Dimension ihrer Profession. Dazu gehört es, die eigenen Mittel und Strategien immer wieder auf ihre Relevanz hin zu überprüfen und grundlegend infrage zu stellen.

 

Elvia Wilk ist eine US-amerikanische Autorin mit Wohnsitz in Berlin. Sie ist freie Redakteurin für die Online-Magazine uncube und Rhizome sowie für die transmediale. Darüber hinaus schreibt sie für Publikationen wie frieze, Architectural Review und Art in America.